Khushwant Singh: Train to Pakistan

 

Train to Pakistan

 

Dieser 1956 erschienene Roman von Khushwant Singh gibt es in mehreren Versionen. Es gibt die deutsche Fassung „Zug nach Pakistan“ und das Originalbuch auf englisch. 2006, dem 50. Jahrestag dieses Romans, wurde eine neue Edition herausgebracht und zwar mit Fotos von Margaret Bourke-White (siehe oben) – dieses ist meine Empfehlung. Die Fotos sind zwar sehr verstörend (Indien hat eine längere Tradition Fotos von Leichen und Gewalt zu veröffentlichen), aber sie machen dadurch das Ausmaß der Geschehnisse wesentlich deutlicher.

 

1947 wurde Indien unabhängig und in das islamisch dominierte Pakistan und das hinduistisch dominierte Indien aufgeteilt. Die vielen Sikhs wurden ebenfalls Indien zugeteilt. Im Zuge dessen begann eine immense Völkerwanderung, da viele Leute mit ihrer Religion im falschen Land saßen. Zehn Millionen Leute gingen auf Wanderschaft – und eine Million davon starb. In Orten, wo bis dato Angehöriger verschiedener Religionen friedlich zusammen lebten, brach Hass aufeinander aus. Tödlicher Hass.

 

Wie sich ehemals brüderlich und schwesterlich beisammen lebende Menschen auf einmal fast wie im Rausch gegenseitig Gewalt antun und töten, ist a) ein fast tabuisierter Teil der indischen Geschichte und b) ein Phänomen, welches den Geist beschäftigt. Wie konnte das passieren?

 

Khushwant Singh wurde 1915 in eine wohlhabende Sikh Familie im heute pakistanischen Teil des Punjab geboren. Er studierte Jura, arbeitete in dem Bereich in Lahore, bekam eine Stelle im Außenministerium in Delhi, verließ diese enttäuscht und und widmete sich dem Journalismus und der Schreiberei. In diesem Buch stellt er eine fiktive Situation in der realen Geschichte nach, eine literarische Verarbeitung der vielen gehörten und erlebten Geschichten.

 

Die Gewalt war besonders heftig im geteilten Punjab und hier findet auch die Geschichte ihren Platz in einem fiktiven Ort namens Mano Majra. Dieser liegt am Fluss Sutlej unweit der neuen Grenze zu Pakistan im indischen Teil. Im Ort gibt es einen Gurdwara der Sikhs, eine Moschee der Moslems eine Hindufamilie sowie eine Bahnstation. Die Dorfmenschen lebten friedlich zusammen, ihr Tagesrhythmus wurde nach den Zugsignalen ausgerichtet. 

Figuren in diesem Buch sind ein Jugga, ein Bär von einem Sikh, der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt, und sich in die Tochter eines Moslems verliebt, Nooran, diese Tochter eines alleinerziehenden Vaters, dieser Vater Imam Baksh (sie sind eine traditionelle Weberfamilie), Meet Singh, der Tempeldiener im Gurdwara, ein durchreisender Aktivist und erklärter Atheist namens Iqbal (diesen Namen gibt es bei den Moslems, Hindus und Sikhs), den hinduistischen Geldverleiher Ram Lal, Hukum Chand, dem Magistrat der Region und viele weitere DorfbewohnerInnen.

Wie sich der Lauf der Geschichte in diesem Dorf wandelt und manifestiert ist Thema dieses Buches. Khushwant Singh zeichnet die Figuren in ihren Widersprüchen, in ihren guten und schlechten Seiten und nutzt die Metaphern des Flusses und des Monsuns für seine Erzählung. Schleichend passiert die Wandlung, initiiert von den äußerlichen Geschehnissen. Und irgendwann bricht alles um. Das ist spannend, das ist plausibel, das ist logisch – ein Herantasten an eine Situation, die trotzdem weiterhin unbegreiflich scheint.

 

Für mich ein sehr wichtiges Buch zur Annäherung an diesen Teil der indischen Geschichte.

 

Zum Abschluss noch ein paar Worte zu Margaret Bourke-White, einer sehr bemerkenswerten Fotografin. 1904 in New York geboren gelangte sie von der Industrie- und Architektur-Fotografie zum Fotojournalismus. Sie ging für die Zeitschrift „Life“ 1941 als Kriegsreporterin in die Sowjetunion und andere Länder. Bei der Befreiung von Buchenwald machte sie die Fotos. Kurz darauf ging sie nach Indien, fotografierte Mahatma Gandhi und die Partition, später den Koreakrieg und die Apartheid in Südafrika. 1971 starb sie an den Folgen der Parkinson-Krankheit. 

 

 

Der Zug nach Pakistan

Train to Pakistan

 

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