Kiran Desai: Der Guru im Guavenbaum

 

 

Eine literarisch berühmte Mutter: Anita Desai. Ein literarisch berühmter Ex-Freund: Orhan Pamuk. Kiran Desai schrieb bisher nur zwei Bücher, die aber viel Lob und Beachtung ernteten.

 

1998 schrieb sie ihr erstes Buch – dieses. Das zweite, Erbin des verlorenen Landes, erschien 2006 und gewann den Booker Price.

 

Ich bekam es vor vielen vielen Jahren zum Geburtstag geschenkt und dachte: „Was für ein albernes Buch“. Sampath, ein stadtbekannter Faulpelz, klettert auf einen Guavenbaum und will nicht wieder herunter. Durch seine vorherige Arbeit im Postamt, wo er leidenschaftlich Kuverts öffnete und Briefe las, weiß er mehr über die BewohnerInnen als die anderen. Und so kann er bestimmte Dinge „weissagen“. Die Leute sind beeindruckt, strömen in Scharen und verehren ihn als neuen Guru. Seine Familie weiß die neue Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen und kümmert sich um die geschäftliche Seite, die bei einem Guru so anfällt.

 

Ja, die Geschichte ist albern – und doch so indisch. Welches Land sonst ist so aufgeschlossen neuen Heiligen gegenüber und empfängt mit offenen Armen alles, was ein wenig göttlichen Beistand verspricht? Man könnte dazu ernste Untersuchungen veröffentlichen oder kritische Bücher schreiben. Aber warum das ganze Spiel nicht als Posse aufbereiten? Kiran Desai ist es gut gelungen. Hinter all den leichtfüßigen Heiterkeiten in diesem Buch liegt so viel scharfäugige Beobachtung der indischen Gesellschaft. Ein leckerer kleiner Lesebissen. Und vielleicht lässt sich ja noch eine Guave zum erhöhten Genuss auftreiben. Guten Appetit!

 

Der Guru im Guavenbaum

 

 

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